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Klassische Musik und Oper von Classissima

Richard Wagner

Dienstag 25. April 2017


Crescendo

12. April

Opernfestspiele Heidenheim: Der fliegende Holländer - Opernfestspiele Heidenheim

Crescendo

gestern

Ja, man kann Wagners “Ring” noch neu erfinden!

Walküren mit Flügelhauben braucht heute kein Mensch mehr. Und die hundertste zwanghaft modernisierte Version von Wagners “Ring” auch nicht. Aber was für eine Re-Kreation macht Sinn? Bei den Salzburger Osterfestspiele 2017 findet unsere Autorin eine Antwort. Haben wir in Sachen „Ring des Nibelungen“ schon alles Machbare gesehen? Oder sind wir zu verunsichert, um die Ereignisse der Gegenwart im Gewand von Wagners Tetralogie auf die Bühne stellen zu wollen? Sicher ist: Es gibt meines Erachtens viel zu viele Deutungen des „Rings“, die sich schnell überholen. Wie die immer noch in Bayreuth aktuelle von Frank Castorf, die in der deutsch-deutschen Vergangenheit wühlt und keine erhellenden Neuansätze mehr bringt. Aber es gibt auch zeitlose Deutungen, die in ihrer Gültigkeit Jahrzehnte überdauern können. Wie etwa die „Walküre“ von 1967, mit der Herbst von Karajan seine neu geschaffenen Salzburger Osterfestspiele eröffnete. Als bekannt wurde, dass die Osterfestspiele 2017 eine Re-Kreation gerade dieses Meilensteins der Aufführungsgeschichte bringen würden, waren die Reaktionen geteilt. Der Griff in die Retro-Kiste als Kapitulation vor einer Neudeutung? Könnte man meinen. Interessanterweise ist gerade das Gegenteil der Fall. Dazu muss allerdings klargestellt werden, dass lediglich das Bühnenbild des legendären Günther Schneider-Siemssen rekonstruiert wurde: Jene bekannte Ring-Ellipse, die im zweiten Aufzug auseinanderbirst und eine Kluft zwischen Wotan und Brünnhilde reißt. Schneider-Siemssens beziehungsreiche, kosmisch bewegte Bilder besitzen für mich noch heute eine zeitlos gültige Aussagekraft fürs Werk und wirken ganz und gar nicht „angestaubt“. Zumal mit heutiger Licht- und Projektionstechnik gearbeitet wird und auch die Regie von Vera Nemirova sowie die Kostüme (Jens Kilian) komplett neu sind. Kein Theatermuseum mit schweren Umhängen, dicker Schminke und bedeutungsvollem Schreiten also, sondern eine durchdachte Personenführung aus heutiger Sicht. Nemirova durchleuchtet die „Ring“-Personen sehr genau und – wie mir scheint – sie liebt sie: Die jugendliche Brünnhilde darf barfuß quer über die Bühne laufen, Wotan treibt es innerlich wie auch auf der Bühne hin und her, Siegmund und Sieglinde finden vorsichtig, aber intensiv zu ihren Gefühlen. Nur Fricka und die Walküren bleiben statuarisch, Sinnbild eines erstarrten Systems. Dass die Personen ein wenig zu häufig frontal dem Publikum zugewandt sind, hat mit der Akustik der überbreiten Salzburger Bühne zu tun. Kurz gesagt: Wer die Kunstform Oper angesichts einer Re-Kreation wie der aktuellen Salzburger „Walküre“ schon totgesagt bzw. eingemottet hat, übersieht, wie interessant es sein kann, einen 50 Jahre alten Raum mit Gedanken aus unserer heutigen Lebenswelt neu aufzuladen. „Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, woher wir kommen“, sagt Regisseurin Nemirova – und tatsächlich führt dieser optische Rückgriff die meisten der Festspielbesucher (nicht nur diejenigen, die das „Original“ noch gesehen haben) zurück in die höchstpersönliche Wagner-Theatergeschichte. Auch mich, die als kleines Kind mit genau dieser Ästhetik aufgewachsen ist. Sie macht uns deutlich, woher wir kommen und dass vieles vermeintlich Alte noch heute sehr modern wirken kann – aber auch, wie wir uns selbst geändert haben. Wie das Regietheater unsere Sehgewohnheiten und die verschiedensten Aufführungspraktiken unsere Hörgewohnheiten beeinflusst hat. Und dass Altes und Neues eine spannende Reibungsfläche mit vielen Inspirationen ergeben können. Gut, dass auch Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden seinen eigenen Klang gefunden hat und nicht dem Karajanschen Ideal nacheifert. Die Walküre von 2017 klingt vor allem in den Streichern extrem wohltönend, setzt klug Akzente und überwältigt immer wieder emotional. Eine Parallele zwischen 1967 und 2017 fällt zudem auf: nämlich dass man hier beiderseits Idealbesetzungen des Werks gefunden hat. Anja Harteros überwältigt als facettenreiche Sieglinde im Piano wie im „Hehrsten Wunder“-Ausbruch des dritten Aufzugs – ihr zur Seite ist Peter Seiffert immer noch klangschön wie eh und je und strahlt in seinen „Wälse“-Rufen. Fast unterfordert ist der wie immer extrem präsente Georg Zeppenfeld in der Partie des Hunding. Vitalij Kowaljow ist ein Göttervater mit Tiefgang und Ausstrahlung, anfangs zurückhaltend, aber in „Wotans Abschied“ zu Höchstform auflaufend – eher baritonal, sehr weich und lyrisch singend. Und Anja Kampe ist mit vielen, nie zu harten Spitzentönen und jugendlicher Kraft sowieso die derzeitige Top-Besetzung der Partie. Auch Christa Mayer (Fricka) und ausnahmslos alle (und das ist selten!) Walküren-Stimmen sind erste Wahl. Stehende Ovationen bei der Aufführung zum Abschluss der Salzburger Osterfestspiele 2017 für ein rundum gelungenes Experiment, das – so umstritten es in der Kritiker-Riege auch sein mag – für mich das Zeug dazu hat, Operngeschichte zu schreiben! Barbara Angerer-Winterstetter






ouverture

15. April

Neukomm: Requiem à la mémoire de Louis XVI (Alpha)

Als der Wiener Kongress 1814/15 über die Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons beriet, gedachten die Beteiligten mit einer feierlichen Messe auch des Königs Ludwig XVI., der 1793 in Paris guillotiniert worden war. Die Musik für dieses Totengedenken lieferte Sigismund Ritter von Neukomm (1778 bis 1858), der Hauskomponist Talleyrands.  Es ist erstaunlich, aber dieser Musiker ist heute nahezu vergessen. Dabei war er zu Lebzeiten auf drei Kontinenten tätig, und enorm erfolgreich. Sigismund Neukomm, der Sohn eines Salzburger Lehrers, war ein Wunderkind. Im zarten Alter von vier Jahren soll er bereits fließend gelesen haben; wenig später begann seine musikalische Ausbildung. So erlernte der Knabe das Orgelspiel beim Domorganisten Franz Xaver Weissager. Er musizierte zudem auf Streich- und Blasinstrumenten, und erhielt Unterricht in Harmonielehre bei Michael Haydn.  Als er 16 Jahre alt war, wurde Neukomm Titularorganist der Salzburger Universitätskirche; außerdem war er als Korrepetitor am Theater tätig. 1797 ging er schließlich mit einer Empfehlung seines Lehrers Michael Haydn nach Wien, wo er erst Schüler und bald auch Mitarbeiter Joseph Haydns wurde. Für diesen erstellte er beispielsweise die Klavierauszüge der Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten.  Außerdem unterrichtete Neukomm; seine wohl bekanntesten Schüler waren Franz Xaver Wolfgang und Carl Thomas Mozart. Das Werk von Wolfgang Amadeus Mozart schätzte Neukomm übrigens sehr – und nach dem Tode Joseph Haydns 1809 stiftete er diesem den Grabstein.  Der Musiker war ausgesprochen reisefreudig. Er wirkte als Kapellmeister in St. Petersburg und in Rio de Janeiro; wenn er nicht unterwegs war, dann lebte er zumeist in Paris. Im Laufe seines langen Lebens schuf Neukomm unglaublich viele Musikstücke, von der Oper bis zum Klavierkonzert und vom Lied bis zum Oratorium. Sein ebenso umfangreiches wie qualitätvolles Lebenswerk ist im Konzertsaal allerdings derzeit faktisch nicht präsent. Die französische Nationalbibliothek besitzt etwa 2.000 Manuskripte des Komponisten, doch dieser Bestand soll bislang schlecht erschlossen sein. Noteneditionen sind rar.  Umso mehr freut diese Einspielung der Trauermusik, die einst in Wien zum Gedenken an den hingerichteten König von Frankreich erklungen ist. Neukomms Musik ist imposant, und dabei ausgesprochen nobel und elegant. Jean-Claude Malgoire hat diese Trauerklänge mit dem Ensemble La Grande Écurie et la Chambre du Roy sowie dem Chœur de Chambre de Namur würdig eingespielt. Clémence Tilquin, Yasmina Favre, Robert Getchell und Alain Buet sind in den Solopartien zu hören. Musiziert wird voll Respekt, sehr gekonnt und historisch authentisch – so erklingen beispielsweise eine Ophicleide, ein auch von Mendelssohn, Berlioz, Verdi und Wagner verwendetes Blechblasinstrument, das später im Orchester durch die Tuba ersetzt wurde, und ein Tamtam, ein großer Gong unbe- stimmter Tonhöhe, der aus Ostasien stammt und in Frankreich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gezielt als Effektinstrument bei Trauermusiken eingesetzt wurde.  Neukomms Trauermusik ist ein Werk mit einer einzigartigen Aura. Dieses Requiem, das der Komponist ursprünglich zu Ehren seiner Lehrer, der Gebrüder Haydn und des Organisten Weissager, zu Papier gebracht hatte, gehört für mich zu den schönsten Werken der Funeralmusik überhaupt. Was für eine Entdeckung! 

Richard Wagner
(1813 – 1883)

Richard Wagner (22. Mai 1813 - 13. Februar 1883) war ein deutscher Komponist, Dramatiker, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent. Mit seinen Musikdramen gilt er als einer der bedeutendsten Erneuerer der europäischen Musik im 19. Jahrhundert. Er veränderte die Ausdrucksfähigkeit romantischer Musik und die theoretischen und praktischen Grundlagen der Oper, indem er dramatische Handlungen als Gesamtkunstwerk gestaltete und dazu Text, Musik und Regieanweisungen schrieb. Als erster Komponist gründete er Festspiele in dem von ihm geplanten Bayreuther Festspielhaus. Seine Neuerungen in der Harmonik beeinflussten die Entwicklung der Musik bis in die Moderne. Mit seinem Pamphlet Das Judenthum in der Musik gehört er geistesgeschichtlich zu den Vorkämpfern des Antisemitismus.



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